Retro der Woche 07/2026

Die klassischen Auflöse-Retros von Luigi Ceriani sind für mich immer wieder ein Genuss! Viele sind recht komplex, aber andere auch so, dass ein noch nicht sehr erfahrener Retrofreund sie doch sehr gut nachvollziehen und vielleicht auch lösen kann: Ich kann versprechen, das macht Spaß!

Ein relativ sparsames Stück von ihm möchte ich euch heute zeigen.

Luigi Ceriani
Vittorio de Barbieri Gedenkturnier 1943, 1. Preis
Erster Zug der schwarzen Dame? (9+12)

 
Obgleich elf Steine fehlen, ist kein einziger Schlag eines Bauern sichtbar; zunächst sind nur einige wenige Details klar: der weiße Turm auf a2 konnte sein Zuhause nicht verlassen, wir werden uns Gedanken machen müssen, wie beie Seiten ein Retropatt vermeiden, und dass zuletzt die schwarze Dame gezogen hat, ist klar, da sie dem weißen König Schach bietet; sie kann also nur von d8 kommen und muss dabei geschlagen haben, denn ohne eine auf e8 entschlagene Figur wäre Weiß sofort retropatt, da er c2-c3 nicht zurücknehmen kann, da dies den schwarzen König aussperren würde. Was wurde denn auf e8 entschlagen?


Ein Läufer hilft offenbar nicht gegen Retropatt, ein Turm (dritter weißer) wäre schwer frei zu spielen. So bietet sich meist in ähnlichen Stellungen der entschlag eines Springers an. Versuchen wir also 1.— Dd8xSe8+ 2.Sd6-e8 Kc2-b1 — nun ist also für beide Seiten erst einmal die direkte Retropattgefahr gebannt, und wir können überlegen, wie wir den Nordost-Käfig öffnen können, damit sich der weiße König auf den Heimmarsch begeben kann. Das funktioniert nur mit der Rücknahme von g7-g6 nach Lf8xXg7.

Dieses X muss, um nicht den Nordosten zu blockieren, ein Springer sein — Springer Nummer drei. Da auch, wie wir gleich sehen werden, wTh8 ein Umwandlungsstein ist, müssten wSg8 und wTh8 entwandeln — das kann in diesem Käfig nicht gelingen: Dafür wären vier Schläge durch weiße Bauern im Käfig nötig, damit würde dort auch Ta8 gebraucht, der aber wegen der Bauernstruktur nicht nach dort gelangen konnte.

Also versuchen wir R 1.— Dd8xDe8+ 2.Df8-e8 Kc2-b1 3.De8-f8 Lf8xSg7 und z.B. 4.Sf5-g7, sodass nun g7-g6 zurückgenommen werden kann, wodurch den weißen Majestäten der Weg nach Hause geebnet wird. Wie kommen aber nun die beiden weißen Offiziere in den Süden? Der Turm nur in Form eines Bauern, der dort umgewandelt hat, und der Springer nur nach f7-f6 via f6: der Weg über h6 scheidet wegen der Blockadestellung der Türme aus.

Was um Himmels willen aber hat das mit unserer Ausgangsfrage nach dem ersten schwarzen Damenzug zu tun? Jedenfalls deutlich mehr, als es zunächst den Anschein hat! Und ich lade euch herzlich ein, darüber nachzudenken, bevor ihr euch die Lösung anschaut.

Lösung

Vor der Rücknahme von f7-f6 muss der schwarze König schon zu Hause sein; für wSf6-g8 muss er jedoch zur Vermeidung eines illegalen Retroschachs nach d8 ausgewichen sein. Und das bedeutet, dass vorher die schwarze Originaldame auf d8 oder e8 geschlagen worden sein muss, die Diagrammdame also durch Umwandlung entstanden ist!
Also hat sich sBa7 umgewandelt, konnte auf seinem Weg nur Königsturm und -läufer schlagen; die Umwandlung erfolgte also auf a1. Zu der Zeit kann der weiße Damenturm nur auf b1 gestanden haben. Da nun für die schwarze Dame kein Schlagopfer auf a2 zur Verfügung steht, war der erste Zug der schwarzen Dame auf e8: Da1-a2 (schlagfrei!)
Übrigens ist damit auch begründet, warum ich so nonchalant über die Möglichkeit Kc2xXb1 hinweggegangen bin …

Und nun versteht man auch das Motto, das Ceriani dem Stück mitgegeben hatte: „La Donna è mobile? … … Eppur si muove!“

Eine wie ich finde großartige Aufgabe, von der Henrik Juel, auf dessen Lösungskommentare ich mich teilweise abgestützt habe, schrieb: „Es ist erstaunlich, dass die harmlos aussehende Diagrammstellung eine so reichhaltige Auflösung erzwingt, und ich finde es reizvoll, dass die Lösung einen angemessenen Schwierigkeitsgrad hat, weder trivial noch hoffnungslos.“

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