Retro der Woche 31/2026

George P. Sphicas ist vielleicht der heute bedeutendste Komponist von Serienzügern, wo prinzipiell nur eine Partei zieht, die andere meist nur einen einzigen Zug hat, nämlich den zur Erfüllung der Problemforderung.

Klassisches Märchenschach also — retroanalytisch interessant wird es durch die zusätzliche “konsequent” Bedingung: Danach werden die legalen Zugmöglichkeiten für jede neue Stellung neu bewertet — ohne “Gedächtnis” für die Vergangenheit.

Damit kann es also sein, dass beispielsweise die Rochade in der Diagrammstellung nicht zulässig ist — das wäre in jedem anderen Problem das Todesurteil für die Rochademöglichkeit im Laufe der Lösung. Nicht aber bei der “konsequent” Zusatzforderung, die kein Gedächtnis (“in der Diagrammstellung war die Rochade aber unzulässig”) hat: Da wäre es auch möglich, den schwarzen König nach e8 zu ziehen, sodass er dann rochieren dürfte: Wir wissen ja nicht, dass er schon gezogen hat…

Schauen wir uns das Diagramm der heutigen Aufgabe genauer an.

George P. Sphicas
Problemkiste 1998, 18. Thematurnier, 1. Preis
shc#33 (8+8)

 

In diesem Serienzug-Hilfsmatt (das “c” in der Forderung steht für “konsequent”) zieht Schwarz 33 mal am Stück, bis Weiß dann sofort mattsetzen kann. Versuchen wir also zunächst einmal ohne retroanalytische Hintergedanken, mögliche Mattfelder für den schwarzen König ausfindig zu machen. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass sich bis zum Mattzug die weiße Stellung nur durch “Ausdünnen”, also Schläge durch Schwarz, verändern lässt.

Damit scheiden offenbar Bauernmatt-Züge im Osten des Bretts fast komplett aus, da ja ein Bauer mattsetzen muss; dazu muss er selbstverständlich gedeckt sein. Das ist nur denkbar nach gxf5 oder exf5 mit dem schwarzen König auf d6 oder f6. Es ist aber nicht zu sehen, wie der König dorthin gelangen könnte, ohne weitere weiße Deckungsbauern wegzuschlagen — vor allen Dingen wird es schwierig, das Feld h7 zu blocken, da [Bh7] ziehen muss, um den König nach g6 zu lassen.

Also sollten wir uns im Westen umsehen?

Dort fällt als einzig theoretisch denkbarer Mattzug c2xb3 auf, wenn der sK auf c4 steht, c3, d3, d4 und b5 geblockt sind und sich ein schwarzer Stein auf b3 opfert. Doch halt: sBa4 macht uns doch sofort einen Strich durch die Rechnung?

Nicht unbedingt, wenn wir an die “konsequent” Regel denken: Dann könnte doch a4xb3ep denkbar sein: Das würde nicht nur die Deckung von b3 beseitigen, sondern gleichzeitig auch den Opferstein zur Verfügung stellen. Andererseits muss dann natürlich zusätzlich c5 geblockt werden: Die Blocksteine bekommen wir durch Umwandlung schwarzer Bauern im Osten. Muss dazu allerdings wBe4 verschwinden, muss auch noch d5 geblockt werden — und wir sehen, dass wir alle schwarzen Steine um ihren König herum benötigen.

Das zu finden und dabei eine Zwischenstellung erreichen zu müssen, in der b2-b4 als letzter weißer Zug in einer hypothetischen Partie nachgewiesen werden kann, wollt ihr euch nun sicher nicht entgehen lassen?

Lösung

1.h5 2.hxg4 3.g3 4.g2 5.g1=T 6.Txg5 7.Tc5 8.g5 9.g4 10.g3 11.gxf2 12.f1=L 13.Lb5 14.Kc4 15.Sc3 16.Sa2 17.Lc3 18.f5 19.fxe4 20.e3 21.e2 22.e1=D 23.Dxe6 24.Dd5 25.e5 26.e4 27.e3 28.e2 29.e1=S 30.Sd3 31.axb3ep 32.Ld4 33.Sc3 cxb3#

Auch wenn hier der Retro-Aspekt hinter der Allumwandlung des Serienzügers ein wenig hintansteht, so gefällt mir diese gedankliche Kombination sehr gut, wie also retroanalytische Überlegungen und Ziele — hier die Beweisbarkeit der Legalität des ep-Schlages in einer bestimmten Stellung — den Lösungsverlauf signifikant mitbestimmt. Übrigens findet sich dieses Stück auch im FIDE-Album wieder — in der “Märchen-Abteilung” G.

Wie gefällt euch der “konsequente” Serienzüger? Ich bin gespannt!

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