Retro der Woche 27/2022

In seinem Kommentar zum letzten Retro der Woche verwies Joost de Heer darauf, dass Nikita Plaksin gerade Beweispartien sehr streng bewertete; die wohl einzige, der er drei Punkte gab (die beiden anderen Richter jeweils vier) ist unser Retro der Woche 21/2015. Das lohnt sich, noch einmal anzuschauen!

Ich will nun wahrlich kein Richter-Bashing betreiben, aber es fällt schon auf, dass er offensichtlich Beweispartien nicht besonders schätzt. Eigentlich überraschend, da er sonst gar „märchenhaften Retros“ sehr positiv gegenüber stand.

Eine der Aufgaben, die es trotz nur zwei Punkte von Plaksin ins Album geschafft hat, ist der Zwilling, den ich heute zeigen möchte. Dabei muss man bedenken, wie gering noch die Beweispartie-Kunst zu der Zeit ausgeprägt war:

Dmitiri Pronkin
Die Schwalbe 1985, 1. Preis
Beweispartie in 12,5 Zügen, zwei Lösungen (15+14)

 

Ein kurzer Blick auf die Stellung zeigt schon schnell, dass [Bb2] umgewandelt haben muss: Es fehlt nur dieser Bauer, er wurde auf f6 geschlagen und kann dort nicht selbst hingelangt sein.

Relativ schnell muss auch dieser Schlag erfolgen, damit sich das schwarze Spiel entwickeln kann. Wer könnte dafür in Frage kommen?

Jeweils im dritten Zug kann sich [Lc1] (nach 1. b4) oder auch [Sb1] (via c3, d5) auf f6 opfern — und wenn das so stimmt dann haben wir auch schon das Thema der Aufgabe erkannt: Pronkin-Thema (!) in Zwillingssetzung. Das war vor 37 Jahren sicher noch hochoriginell, andererseits sieht man auch, wie sich die Beweispartien seit dieser Zeit weiterentwickelt haben.

Nun vermuten wir schon die beiden unterschiedlichen Umwandlungen: Die müssen beide mit bxa und axSb8 erfolgt sein, denn [Sb8] hat keine Zeit zu ziehen. Zählen wir dicoch einmal die schwarzen Züge: 2+2+2+2+2+2=12, wenn der König via d8 nach c8 gekommen ist. Er kann aber theoretisch auch durch die lange Rochade sein Zielfeld erreicht haben, dann haben wir 1+2+3+2+2+2=12 — auch das funktioniert. Das wäre natürlich hübsch, wenn nun eine Lösung mit, eine Lösung ohne Rochade funktionieren würde?

Dann solltet ihr doch ruhig schon versuchen zu lösen: Das ist nach den Vorüberlegungen nicht wirklich schwer!

Lösung 1


Lösung 2


Ich finde, auch heute noch ein tolles Werbestück für Beweispartien — zeigt die Aufgabe doch mal in eurem Schachclub!

Und nun noch einmal zur „Bepunktung“: Vor 37 Jahren hätte ich drei Punkte eher als zwei für angemessen angesehen — heute natürlich nicht mehr! Dafür hat sich das Genre der Beweispartie zu sehr weiterentwickelt.

3 thoughts on “Retro der Woche 27/2022

  1. Plaksin was also judge for the 1992-1994 FIDE album, where he gave Michel’s famous 6 CF proofgame (P0004254) 3 points (the other judges 4). In the same period there was a Heinonen proofgame with 5 queen CFs (not in PDB?) which he gave 2.5 points (the other judges 4) and the rest of the proofgames? 2 or less.

    • Heinonen’s proofgame is in PDB after all: P0000256 (year in FIDE album is 1993, is this a typo there or is the year in PDB wrong?)

Schreibe einen Kommentar zu Joost Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.