Retro der Woche 08/2020

Der Ukrainer Alexander Kisljak (27.12.1938—5.5.2010) ist besonders bekannt als Komponist hervorragender klassischer Retroaufgaben; einige davon habe ich hier schon vorgestellt, ihr findet sie leicht über die Suchfunktion hier im Blog. Er hat aber auch, sicherlich weniger bekannt, 1993 ein zweisprachiges Büchlein (Поверженный Монарх — The monarch overturned; zu Deutsch: Besiegter Monarch) mit 64 eigenen Beweispartien veröffentlicht, in denen der schwarze König auf jedem der 64 Felder mattgesetzt wird.

Die Forderungen seiner klassischen Aufgaben hat er häufig mit konkreten, direkten Fragen nach dem wesentlichen Inhalt formuliert, so auch bei dem Stück, das ich für heute herausgesucht habe.

Alexander Kisljak
Schachmatnaja Komposizia 1992, 1. Preis (A. Kusnezow gewidmet)
1. Zug der vier Randbauern? (13+10)

 

Richten wir also unser Augenmerk auf [Ba2], [Ba7], [Bh2] und [Bh7]. Zu ihrem Schicksal können wir jetzt natürlich noch gar nichts sagen, das wird sich erst im Laufe der Retroanalyse herauskristallisieren.

Auffällig ist der weiße „Volet-Bauer“ auf h7, der sich, von c2 kommend, komplett durchgefressen hat; zusammen mit dem weißen Doppelbauen auf der g-Linie sind damit alle weißen Schläge erklärt.

Damit wissen wir auch, dass der weiße Bauer auf a7 nicht geschlagen haben kann, dennoch muss der fehlende [Ba7] von einem weißen Bauern geschlagen worden sein; er muss sich also auf b1 (oder c1) umgewandelt haben, um als Schlagopfer zur Verfügung stehen zu können. Damit kennen wir (neben b7xXc6) schon prinzipiell zwei der drei schwarzen Schlagfälle. Den dritten werden wir, wie wir noch sehen werden, im Rahmen der erforderlichen Käfigöffnungen noch benötigen.

Aus dem Fehlen des [sLf8] (schwarzfeldrig!) können wir schließen, dass der nicht von [Bc2] geschlagen werden konnte, also starb er durch h2xLg3 — damit haben wir nebenbei schon die Antwort auf ein Viertel unserer Frage. Wir können also g7-g6 erst zurücknehmen, nachdem [Lf8] wieder zu Hause ist.

Damit können wir den Nordost-Käfig noch nicht öffnen; also müssen wir mit der Auflösung des Südost-Käfigs beginnen. Dazu müssen wir ein Schutzschild auf g1 implantieren, damit Kh1-h2 zurückgenommen werden kann, um dann Th3-g3 und anschließend g3-g4 zurücknehmen zu können. Das erfordert offensichtlich einen weiteren Schutzschild-Entschlag auf h2: Wir müssen also konkret Kh1xXh2 zurücknehmen, was damit auch den dritten Entschlag durch Schwarz determiniert und damit eindeutig b1 als Umwandlungsfeld des [Ba7] bestimmt.

Nach diesen ausführlichen Vorüberlegungen sollte die Lösung nicht mehr allzu schwer zu finden sein:

Lösung

R: 1.Df1-g1# Sd5-f6 2.a6-a7 Sc3-d5 3.a5-a6 Sb1-c3 4.a4-a5 b2-b1=S 5.a2-a4! a3xSb2 6.Sd3-b2 a4-a3 7.Sf4-d3 a5-a4 8.Sh3-f4 a6-a5 9.Sg1-h3 Kh1xSh2 10.Th3-g3 a7-a6! 11.g3-g4 Lg4-h5.
Nun kann Weiß die h-Linie räumen und h2xLg3! zurücknehmen. Und bevor Weiß noch g6xBh7! zurücknehmen kann, muss erst sTh6 nach g8 und [Lf8] nach Hause gekommen sein, damit nach g7-g6 mit diesem Entschlag der schwarze Königsflügel verplombt werden kann.

Wir haben hier also alle vier Möglichkeiten eines ersten Bauernzuges: Doppelschritt a2-a4, Einzelschritt a7-a6, Schlag h2xLg3 und kein Zug: Bg6xBh7. Die klare Fragestellung in der Forderung macht es quasi unmöglich, den intendierten Inhalt des Autors zu übersehen. Das gefällt mir sehr gut!

One thought on “Retro der Woche 08/2020

  1. An extremely enjoyable resolution retro with good stipulation question and suitable solution difficulty.
    h2xLg3 is clear and g6xPh7 is likely, but the destiny of the a-pawns is determined only after careful retroplay.

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