Retro der Woche 34/2018

Bleiben wir noch ein wenig bei Aufgaben aus Phénix 2015 und 2016: Vor drei Wochen hatte ich von Joaquim Crusats (zusammen mit Andrej Frolkin) bereits einen Verteidigungsrückzüger vorgestellt, heute nun eine klasse Auflöse-Aufgabe.

Joaquim Crusats
Phénix 2016
Löse auf! (15+13)

 

Schauen wir wie üblich zunächst nach den Schlagfällen: Die weißen Doppelbauern auf der b-, der f- un der g-Linie stehen für die fehlenden schwarzen Steine, und der schwarze Doppelbauer auf der d-Linie erklärt den fehlenden weißen Stein.

Der Knoten im Nordosten kann erst nach e6xXf7, aufgelöst werden, der im Nordwesten kann scheinbar durch c6xTb7 aufgelöst werden. Warum geht das nicht sofort? Dazu schauen wir uns an, welche Steine fehlen: Das sind bei Schwarz die beiden Türme und ein Bauer, bei Weiß ein Bauer.

Der fehlende weiße Bauer ([Ba2] oder [Bc2]) kann nicht direkt geschlagen worden sein, er muss also umgewandelt haben – und zwar, da alle fehlenden schwarzen Steine schon erklärt sind, schlagfrei. Das kann nur [Bc2] vollbracht haben, daher ist wBb7 der [Ba2]. Deswegen muss die c-Linie frei bleiben, bis Weiß dort entwandelt hat.

Auch der fehlende schwarze Bauer kann nicht direkt geschlagen haben, muss also ebenfalls umgewandelt haben. Dafür steht nur [Bc7] oder [Be7] zur Verfügung. [Bc7] scheidet aber sofort aus, da ansonsten [Bc2] und [Bc7] schlagfrei aneinander hätten vorbeiziehen müssen – und das geht nicht!

Also hat [Be7] umgewandelt, und erst wenn der wieder zu Hause ist, können wir e6xTf7 zurücknehmen und damit den Nordost-Knoten auflösen.

Das scheint doch ganz einfach zu funktionieren, steht doch ein potenzieller Umwandlungsstein bereits auf e1 bereit. Weiß hat keinen letzten Zug (b2-b3 würde [Lc1] aussperren), den müssen wir ihm erst verschaffen, und dann kann es losgehen.

R 1.– Td8-e7 2 Ke6-f5 e2-e1=S 3.Kf5-e6 e3-e2 4.Ke6-f5 e4-e3 5.Kf5-e6 e5-e4 – und wenn nun 6.Ke6-f5, so ist plötzlich Schwarz retropatt! Das funktioniert also so nicht – aber wie kann denn eine Seite ein Tempo verlieren? Der weiße König nicht, der schwarze Springer sowieso nicht, und der schwarze Bauer, solange er einschrittig zurückzieht, natürlich auch nicht.

Einzig mögliche Schlussfolgerung: sSe1 ist kein Umwandlungsspringer, sondern ein Originalstein, und wir müssen den wirklichen Umwandlungsstein erst entschlagen!

Der Entschlag kann nur auf g3 erfolgen: Die anderen beiden weißen Bauern können, wie wir schon gesehen haben, jetzt noch nicht entschlagen. Dafür muss Schwarz auf g4 zwischenziehen – und dafür steht nur sSe1 zur Verfügung.

R 1.– Td8-e7 2 Ke6-f5 Sf3-e1 3.Kf5-e6 Sh2-f3 4.g3-g4 Sg4-h2+ 5.h2:Sg3 ( h2:D/Tg3??) Sf1-g3+ 6.Ke6-f5 Se3-f1 7.Kf5-e6 Sc2-e3+ 8.Ke6-f5 Se1-c2 9.Kf5-e6 e2-e1=S (nun steht wK auf f5, nicht wie in der Verführung auf e6!) 10.Ke6-f5 e3-e2 11.Kf5-e6 e4-e3 12.Ke6-f5 e5-e4 13.Kf5-e6 e7-e5 14.e6:Tf7 etc.

Das „etc.“ ist noch etwas knifflig, aber ideal zum Üben.

Dass die Springerzüge nicht eindeutig sind, ist nicht tragisch (schöner wäre es natürlich, wenn sie es wären); entscheidend ist hier der erforderliche „Tempoverlust“, der nur durch Ersetzen des Originalspringers auf e1 durch einen Umwandlungsspringer gelingt. Wir haben hier also das Anti-Pronkin-Thema, das eher aus Beweispartien bekannt ist, in einem klassischen Auflöse-Retro vorliegen. Sehr gelungen und eingängig, finde ich!

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