Jahr der Beweispartie

Allen Retrofreunden wünsche ich
ein gutes neues Jahr 2013!

Vielleicht sollte man, falls noch nicht geschehen, das gerade begonnene Jahr zum

Jahr der Beweispartie

ausrufen.

Warum? Vor hundert Jahren veröffentlichte Thomas Rayner Dawson eine Aufgabe, die man als Urvater der kürzesten Beweispartien ansehen kann, auch wenn es noch eine ganze Weile dauerte (bis zum Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhundert), bis dieser Aufgabentyp zu großer Popularität kam. Natürlich gab es vorher schon solche Ideen, von denen vielleicht das Dudeney-Stück (Leeds Mercury Supplement 6.7.1885, weiße Partieanfangsstellung, sKh4: Stellung nach dem 16. schwarzen Zug) am bekanntesten ist, aber die Lösung ist alles andere als eindeutig.

Hier also die „Mutter aller Beweispartien“ mit eindeutiger Lösung:

Thomas Rayner Dawson
Reading Observer 1913
White here mated in two and noticed on examining his score that the mate was administered on his 17th move. What was the game? (9+16)

Kürzer würde man heute sagen: „Beweispartie in 15 Zügen, #2“.

Hier findet man schon einige Tricks zur Erzwingung der eindeutigen Zugreihenfolge, speziell das Hereinlassen des sK in die weiße Stellung. Typisch auch, dass zu dieser Zeit solche Aufgaben fast immer mit Vorwärts-Forderungen verbunden waren — heute würde man das Banal-Matt nach 1.Tb1 sicherlich nicht in der Forderung erwähnen?!

1.e4 h5 2.Lb5 h4 3.Lc6 bxc6 4.Dh5 Lb7 5.Dd5 cxd5 6.Sf3 dxe4 7.O-O exf3 8.Te1 fxg2 9.Te6 dxe6 10.b4 Kd7 11.Lb2 Kc6 12.Lf6 Kb5 13.c4+ Ka4 14.Sc3+ Ka3 15.Te1 gxf6.

6 thoughts on “Jahr der Beweispartie

  1. Ich möchte Urs‘ Meinung widersprechen, daß zur Lösung dieser BP viel Probierarbeit angesagt ist. Im Gegenteil bin ich der Meinung, daß sich die Lösung streng logisch herleiten läßt.

    Analyse:
    Schwarze Züge:
    2 Bh7-h4
    1 Bf7xg6
    1 Bd7xe6
    5 Bb7xc6xd5xe4xf3xg2
    1 Lc8-b7
    5 Ke8-a3
    ———————
    15 Züge

    Weisse Züge: (Xi->’feld‘ = Bereitstellung eines Steines Xi auf Feld ‚feld‘ als Schlagobjekt für die sBB)
    1 Ke1-g1 (0-0)
    1 Bb2-b4
    1 Bc2-c4
    1 Sb1-c3
    1 Te1
    2 X1->c6
    2 X2->d5
    1 Be2-e4
    1 Sg1-f3
    2 X3->e6
    2 X4->f6
    ———-
    15 Züge

    Für eine weiße Umwandlung (die sowieso nur auf g8 möglich wäre) war offensichtlich nicht genug Zeit.
    Auf f6 (dem einzigen schwarzen Feld aller schwarzen Bauernschläge) wurde folglich der wLc1 geschlagen, die anderen geschlagenen weissen Steine müssen ihr Zielfeld gemäß dem obigen Schema jeweils spätestens mit 2 Zügen erreichen, damit läßt sich präzisieren:

    2 Lf1-b5-c6
    2 Dd1-h5-d5
    2 Ta/f1-e1-e6
    2 Lc1-b2-f6

    Wichtig ist vor allem, daß der wBb2 mit einem Doppelschritt nach b4 gelangte. Da der sK erst nach a3 ziehen konnte, nachdem der wLc1 nach f6 zog, steht damit auch die Route des sK genau fest: Ke8-d7-c6-b5-a4-a3.
    wBc2-c4 und wSb1-c3 sind somit auch erst möglich, nachdem der sK a3 erreicht hat.
    Die Identität des wTe1 in der Schlußstellung steht damit auch fest: es ist der Original-Ta1, auf e6 wurde der Th1 geschlagen.
    sBd7xe6 erst möglich, wenn der sBb7 sich mindestens bis f3 durchgeschlagen hat, denn erst dann kommt der wTf1 nach e6.
    Zu dem Zeitpunkt, da Te1-e6 geschen kann, muß Weiß schon folgende Aktivitäten durchgeführt haben:
    1 Be2-e4
    2 Lf1-b5-c6
    2 Dd1-h5-d5
    1 Sg1-f3
    1 0-0
    1 Tf1-e1
    ————
    8 Züge

    Te1-e6 kann also frühestens im 9.Zug geschehen, später aber auch nicht; damit steht die Anfangssequenz fest (der sBh4, der abseits steht, und mit dem sonstigen Geschehen eher nichts zu tun hat, ist ein guter Indikator, daß wir auf dem richtigen Weg sind: er schreit förmlich heraus: „Hey, durch mich hat Weiß 2 Züge Zeit, mir eine anderweitige Zugmöglichkeit zu verschaffen!“)
    Auch die restlichen Züge spielen sich dann von selbst, die schwarzen sind klar (d7xTe6 und Ke8-a3), die Reihenfolge der weißen ergibt sich aus der Notwendigkeit, mit Bc2-c4 und dem erst danach möglichen Sb1-c3 zu warten, bis der sK mindestens a4 erreicht hat.

    • Herzlichen Dank, Mario, für diese gründliche Analyse! Ich empfehle sie besonders allen, die noch nicht so geübt sind mit dem Lösen von Beweispartien, zum intensiven Studium; sie zeigt hervorragend auf, wie man methodisch ans Lösen solcher Aufgaben herangehen kann.

  2. Danke für den Reprint dieser Aufgabe! Ich schätze es (in allen Lebensbereichen, speziell in Wissenschaft und Kunst, wozu ich natürlich insbesondere auch das Problemschach zähle), über die Entwicklung etwas Bescheid zu wissen und lerne gerne entsprechende Aufgaben kennen.
    Einiges im Ablauf dieser Partie hier ist hier ja sehr offensichtlich und leicht zu ersehen. Daneben gibt es aber m.E. doch auch noch eine ganze Menge Offenes, u.a. in der Reihenfolge der Züge, so dass viel (allzuviel?!) Probierarbeit angesagt ist. (Ich bin mit dem Lösen effektiv auch nicht bis zum Ende durchgekommen.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.