Retro der Woche 39/2012

Herzliche Glückwünsche gehen nachträglich nach Roßdorf bei Darmstadt, wo Ulrich Ring am Samstag (22.September) seinen Geburtstag feiern konnte.

Schon in jungen Jahren war er Zweizüger-Sachbearbeiter bei Die Schwalbe, dann haben sich aber seine Schwerpunkte Richtung Hilfsmatts und Retros (speziell den Beweispartien) verschoben, und so habe ich immer wieder viel Freude daran, mit Uli über unserer beiden Lieblingsgattungen im Problemschach (aber nicht nur darüber!) zu fachsimpeln und zu diskutieren. Das gemeinsame Eisessen (meist zusammen mit Hans Gruber) ist immer einer der Höhepunkte der Andernach-Treffen, und dort sind auch schon einige gemeinsame Preisberichte entstanden, dort haben wir schon heftig über feenschach und Fußball diskutiert…

In beiden seiner Spezialgebiete hat Uli hervorragende Aufgaben geschaffen; eine frühe Beweispartie möchte ich hier vorstellen:

Ulrich Ring
feenschach 1986
Beweispartie in 25,0 Zügen (14+16) C+

Vor über 25 Jahren waren eindeutige Beweispartien bei Komponisten und Lösern noch längst nicht so populär wie heute; es war in gewisser Weise eine Pionierzeit der Themenfindung und -darstellung. Natürlich gab es damals noch keine Möglichkeiten des Computer-Testens, und so waren auch viele Stücke zumindest zunächst inkorrekt — bei dem vorliegenden bestätigte eine spätere Computerprüfung die Korrektheit.

Besonders auffällig ist die Aufstellung der weißen Steine: Aus der Partieausgangsstellung fehlen nur zwei weiße Bauern. Da Schwarz über sämtliche Steine verfügt, können die fehlenden weißen Bauern niemals ihre Linie verlassen und müssen umgewandelt haben, können also von den schwarzen Bauern, die auf der b- und der f-Linie geschlagen haben, nicht selbst geschlagen worden sein.

Also muss Schwarz auf b und auf f Steine geschlagen haben — ob Original- oder Umwandlungssteine, kann man noch nicht erkennen, jedoch muss es zumindest ein Originalstein gewesen sein: Anders kann für den ersten umzuwandelnden weißen Bauer der Weg zu seinem Umwandlungsfeld nicht frei gemacht werden.

Eine wesentliche Hilfe beim Lösen ist oft das Zählen der mindestens erforderlichen Züge einer oder gar beider Parteien. Hier hilft offensichtlich nur das Zügezählen bei Schwarz, und wir stellen fest, dass Schwarz mindestens (und damit genau) 25 Züge benötigt, um die Diagrammstellung einnehmen zu können: 2xK, 2xD, 5xT, 6xL, 4xS, 6xB.

Dies macht bereits einige Figurenbewegungen eindeutig: sKe8-d8-c7, sDd8-a8-f3, sTa8-a4-h4, sTh8-g8-g3-c3, sLc8-b7-f3-h5, sLf8-h6-e3-a7. Warum kann übrigens Schwarz nicht 0-0-0 gespielt haben, warum kann der schwarze a-Turm nun nicht auf c3, der schwarze h-Turm nicht auf h4 stehen?

Damit ergeben sich bereits einige Reihenfolge-Abhängigkeiten, z.B. erst La7, dann b6; erst Lh5, dann Df3, dann c6 — andere solltet ihr euch klar machen!

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Nun gilt es „nur noch“, die weißen Bauernzüge für die Excelsiores zeitlich richtig einzutakten, damit es keine Störungen der schwarzen Zugfolgen geben kann, ebenso müssen die Züge der Umwandlungssteine entweder zum Schlag oder bei zumindest einem zur Partieausgangsstellung einsortiert werden.

Dabei stellt man fest, dass beide Schläge frühzeitig, also mit den Originalsteinen erfolgen müssen, dass also beide Umwandlungssteine noch auf dem Brett (und zwar auf den Feldern der Partieausgangsstellung ihrer Original-Partner) stehen: Also zweimal Pronkin-Thema.

Nun kann man versuchen, die möglichen Pronkin-Steine zu erraten: Welche kommen eigentlich theoretisch nur in Frage?

Wenn man auch hier nach dem Ausschlussverfahren die Möglichkeiten reduziert hat, ist es gar nicht mehr allzu schwer, die Lösung zu finden:

1.Sf3 a5 2.Sd4 a4 3.Sb3 axb3 4.Sc3 Ta4 5.Sd5 Th4 6.Sf6+ gxf6 7.a4 Lh6 8.a5 Le3 9.a6 Sh6 10.a7 Tg8 11.a8=S La7 12.Sb6 Tg3 13.Sc4 Tc3 14.g4 b6 15.g5 Lb7 16.g6 Lf3 17.g7 Lh5 18.g8=S Sg4 19.Sh6 Sc6 20.Sf5 Da8 21.Sd4 Kd8 22.Sf3 Sd4 23.Sg1 Df3 24.Sa3 c6 25.Sb1 Kc7.

Also zwei Mal Springer-Pronkin — dabei sind die Springer wegen ihrer weiten „Rückreise“ am schwersten darzustellen. Hier ist es in (beinahe) perfekter Ökonomie gelungen: Nur thematische Schläge, Weiß in der Partieausgangsstellung — und das in der Frühzeit der eindeutigen Beweispartien!

Heute würde Uli vielleicht den letzten schwarzen Zug weglassen, da das Thema ja bereits mit dem 25. weißen Zug realisiert ist. Andererseits ist natürlich die Kompletträumung der achten Reihe hübsch anzusehen.

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