In der letzten Woche hatte ich hier eine Beweispartie, die eines meiner Lieblingsthemen zeigt, vorgestellt, und heute will ich euch eine „klassische Auflöse-Aufgabe“ eines meiner Lieblings-Autoren vorstellen.
Einige Aufgaben von Sergej Wolobujew (18.11.1958–4.8.2020) hatte ich bereits 2011 in Andernach vorgestellt, nachdem ich ihn kurz zuvor „für mich entdeckt“ hatte; daraus entstand ein Aufsatz für feenschach (Heft 189, Juli 2011, S.109—111). Die heute ausgesuchte Aufgabe war in dem Vortrag bzw. Aufsatz nicht vertreten.
Narodnoje Obrasowanije 1988, 1. Preis
#1 (13+15)
Wir wissen ja, dass die Forderung „#1“ eigentlich nichts anderes bedeutet, als dass man die Stellung auflösen solle, speziell um zu zeigen, wer in dieser Stellung am Zug ist. Denn ansonsten beantwortet sich die Frage ja sehr einfach: „Ist Weiß am Zug, so 1.Sc6#, ist hingegen Schwarz am Zug, so 1.— Sxd3#.“ Diese aus heutiger Sicht eher verbergende Forderung war der damaligen Ablehnung nicht partiekonformer Forderungen in der damaligen UdSR geschuldet: Das traf sowohl „Hilfsmatt in 2 Zügen“ wie auch „Löse die Stellung auf“ — da ist doch „#1“ viel orthodoxer …
Schauen wir zunächst einmal nach möglichen Schlagfällen: Schwarz spielte offensichtlich axb, und der schwarze g-Bauer muss Richtung Westen geschlagen haben: Entweder zwei Mal (g7xf6xe5 oder nur einmal (g7xf6), dann aber muss der f-Bauer nach e geschlagen haben. Damit sind alle drei schwarzen Schläge erklärt — nicht aber, wie der fehlende weiße h-Bauer verschwunden ist, der nicht direkt geschlagen werden konnte: Er selbst muss also umgewandelt haben: das geht nur auf g8, was gleichzeitig den einzigen weißen Schlagfall erklärt.
Damit ist auch klar, dass die „einfache“ Auflösung nach g6xf7?? nicht funktioniert. Stattdessen bei Schwarz rasch g7xXf6 zurückzunehmen geht auch nicht, da vorher der schwarzfeldrige Läufer nach Hause muss.
Im Moment kann Weiß also nur auf der a-Linie zurücknehmen, um das drohende Retropatt zu verhindern, sodass Weiß „irgendwann“ die Möglichkeit zur Rücknahme von Td8-d7 erhält, um über die sechste Reihe die Stellung befreien zu können. Baldiges Ta7-a6 abxb5?? würde ja direkt zum Retropatt führen.
Das aber wird eng im Nordwesten: „Irgendwie“ müssen die Steine über die 8. Reihe befreit werden, damit dann einmal der Entschlag a6xb5 zur Öffnung der Stellung werden kann. Das kann nur funktionieren, wenn Schwarz seinen Springer zunächst einmal nach b8 bringt, um den weißen Schwerfiguren auf der a-Linie Manövriermöglichkeiten einzuräumen.
Beginnen wir also testweise mit der Rücknahme durch Schwarz: 1.— Sg6-h8 2.Da7-a8 Sh4-g6 3.Sc6-b8 Sf3-h4 4.Sd4-c6 Sh4-f3 5.Se2-d4 Sf3-h4 6.Sf4-e2 Sd4-f3 7.Sg6-f4 Sc6-d4 8.Sf8-g6 Sb8-c6 9.Da8-a7 h7-h6! Hiermit hat Schwarz sein freies Tempo „verspielt“. Nun muss im folgenden Manöver Weiß seinen S wieder nach b8 zurückführen, um anschließend, unterstützt vom Le8, die weiße D nach b6 bringen. Wollt ihr versuchen, das selbst zu erspielen?
Und was wäre passiert, hätte Weiß mit der Rücknahme begonnen? Weiß konnte in dem gesamten Befreiungs-Manöver keinen Tempozug einbauen: Der Springer kann kein Tempo verlieren, Dame und Turm auf der a-Linie auch nicht; selbst der Läufer ist so eingemauert, dass er keines verlieren kann) — und damit würde Schwarz irgendwann Retropatt!Also musste Schwarz mit der Auflösung beginnen, also ist in der Diagrammstellung Weiß am Zug und setzt mit 1.Sc6 matt.
Ein hochkomplexes Auflösestück, das sich aber gleichzeitig logisch erschließen lässt! Die „Album-Richter“ waren sich einig: Drei Mal gaben sie drei Punkte.