Retro der Woche 45/2013

Vor ein paar Tagen ist mir wieder mein „alter“ Preisbericht der Schwalbe-Retros für das Jahr 2002 (Die Schwalbe Heft 213, Juni 2005, S. 131ff) in die Finger gefallen, und eine Aufgabe daraus möchte ich heute vorstellen, die mir auch heute noch als ein klassisches Retro sehr gut gefällt.

Alexander Zolotarew
Die Schwalbe 2002, 3. Preis
Kann Weiß in einem Zug mattsetzen? (14+13)

 

Natürlich sieht man auf den ersten Blick das mögliche Matt D:g5# — wenn denn Weiß am Zug ist, wenn also Schwarz einen letzten Zug hatte. Damit könnte man die Frage in der Forderung auch etwas allgemeiner formulieren: „Wer ist am Zug?“ oder „#1?“

Beginnen wir mit der üblichen Untersuchung der Schlagfälle, so sehen wir sehr schnell, dass die beiden schwarzen Doppelbauern die fehlenden weißen Steine erklären, dass wBf4 von d2 kommt (zwei Schlagfälle) und einer der weißen h-Bauern der [wBg2] ist. Damit sind alle Schlagfälle erklärt.

Unter den fehlenden Steinen ist auch der weiße a-Bauer, der auf seiner Reihe nicht geschlagen werden konnte, aber selbst ebenfalls nicht geschlagen hat – also muss er sich auf a8 umgewandelt haben. Wir können also erst axb zurücknehmen, wenn die Entwandlung erfolgt ist.

Der Retroknoten im Osten löst sich erst nach Kf4-g4 d2xXe3 auf; das aber ist erst möglich, wenn [wLc1] wieder zu Hause ist.

Also müssen wir wegen der Zugnot möglichst rasch dafür sorgen, dass ein weißer Offizier sich auf a8 entwandeln kann. Da Schwarz noch nicht entschlagen kann, muss also einer der weißen Springer befreit werden, indem seine Fesselung durch eine schwarze Batterie abgelöst wird.

Naheliegend ist es daher, mit R: 1.e3xSf4 zu beginnen (e3xTf4? böte dem entschlagenen Turm keine Möglichkeit für solch eine Ablösung, andere Entschläge stehen nicht zur Verfügung) – wenn wir dann im folgenden Rückspiel irgendwo eine Möglichkeit zum Tempoverlust bei Schwarz finden (beispielsweise frühe Rücknahme von e5-e4), so könnte auch Schwarz mit der Rücknahme begonnen haben, und Weiß am Zug könnte mattsetzen.

1.e3xSf4 Se6-f4 2.Sf5-g7 Sg7-e6+ 3.Sd4-f5 e5-e4 4.Sf3-d4 Se6-g5 5.Sg5-f3+ Sd4-e6 6.c2-c3 Sc6-d4 7.Sd5-e7 Se7-c6+ 8.Sb6-d5 e6-e5 9.Sa8-b6 b6-b5 10.a7-a8S b5-b4 11.a6-a7 a7xLb6 12.La5-b6 b6-b5 13.Ld2-a5 b7-b6 14.Lc1-d2 Kf4-g4 15.d2xTe3+ usw.

29 eindeutige Halbzüge im Rückspiel; alle drei Springer im Diagramm sind durch ihre andersfarbigen Kollegen ersetzt worden. Im Rahmen dieses Rückspiels muss Schwarz mit der Rücknahme seiner Bauernzüge sehr sorgfältig umgehen, um nicht zu früh zu blocken. [wLc1] muss auf b6 (nicht auf b4!) entschlagen werden, dies schränkt die schwarzen Möglichkeiten, Bauernzüge zurückzunehmen, weiter ein, und daher ist Schwarz am Zug, Weiß darf also nicht mattsetzen!

Ich möchte noch einmal kurz auf die Fragestellung in der Aufgabe eingehen: Gelegentlich verbergen solche Fragen zusätzliche Bedingungen, die Einfluss auf das Rückspiel haben; ein Beispiel ist etwa eine Angabe „mit minimalen wD-Zügen“: Auf diese Weise kann man natürlich das Rückspiel stark beeinflussen.

Anders wäre es beispielsweise, stünde in unserer Aufgabe der sBe4 auf e3, und die Forderung lautete #1 (Ich habe das nicht detailliert auf Korrektheit geprüft, mir geht es auch nur um den konkreten Gedanken): Dann wäre damit gesagt, dass Weiß am Zug sei, dass also Schwarz zuletzt gezogen hätte. Aus den Überlegungen zur Lösung sehen wir, dass dann der letzte Zug 1.– e4-e3 gewesen wäre; der Rest der Auflösung bliebe gleich. Obwohl nun die eindeutige Auflösung einen Halbzug länger wäre, gefällt mir die vom Autor gewählte Fassung deutlich besser – einfach weil sie weniger über die folgende Auflösung verrät.

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