Retro der Woche 27/2013

Wenn wir hier im Blog bisher über Verteidigungsrückzüger gesprochen haben, dann quasi ausschließlich über den Typ Proca: Hier entscheidet die zurück nehmende Partei über die Art eines möglichen Entschlags.

Im Typ Høeg, der etwa gleichzeitig mit dem Proca-Typ etwa 1923/24 entstanden ist, entscheidet die Gegenseite über die Art eines möglichen Entschlages; in beiden Fällen müssen solche entschläge selbstverständlich wieder zu legalen Stellungen führen.

Der große Thomas R. Dawson meinte, der Høeg-Typ sei logischer und für Probleme besser geeignet als der Proca-Typ, doch nachdem beide Typen gut 50 Jahre mehr oder weniger im Dornröschenschlaf verbracht hatten, begannen in den späten 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mehrere Komponisten, sich intensiver mit dem Proca-Typ zu beschäftigen; hier muss ganz besonders Wolfgang Dittmann erwähnt werden, aber auch Nikita Plaksin.

Im Wolfgang-Dittmann-Geburtstagsturnier sind nun Vertreidigungsrückzüger (VRZ) mit logischem Inhalt gefordert; explizit beschränkt dies sich nicht auf den Typ Proca. Darum möchte ich hier und heute einen Høeg-VRZ vorstellen, der trotz der Zuglänge nicht allzu schwer zu durchschauen ist:

Per Grevlund
feenschach 1974, 1. ehrende Erwähnung
#1 vor 7 Zügen, VRZ Høeg (4+3)

Zieht wSh8 beliebig, so kann Schwarz auf h8 z.B. eine schwarze Dame entschlagen und damit seine Verteidigungskräfte signifikant stärken. Andererseits darf auch Schwarz nicht einfach seinen Springer ziehen, denn dann reagiert Weiß ebenfalls mit dem Entschlag einer Dame und setzt damit dann sofort matt.

Also liegt es nahe, dass Weiß und Schwarz ihre Springer nicht ziehen, sondern direkt entwandeln: So kann die Gegenseite keine Entschläge reklamieren. Schauen wir mal, wie das weiter gehen kann:

R 1.h7-h8=S a2-a1=S 2.h6-h7 a3-a2 … 5.h3-h4! a6-a5 6.h2-h3 — und nun? Jetzt muss Schwarz einen Zug zurücknehmen, der einen Entschlag beinhaltet, so dass Weiß einen Stein seiner Wahl einfügen kann, und es geht weiter mit b7xa6(+S!) 7.g2xf3(+X) & 1.Sc7#.

Warum nun hat Weiß auf a6 nicht eine Dame, einen Läufer oder einen Bauern eingefügt, um dann f2-f3 zurück zu nehmen und dann mit Xxb7# fortzusetzen? Nach R 7.f2-f3 hat Schwarz jedoch keinen letzten Zug, ist also retropatt, und damit ist diese weiße Rücknahme nicht zulässig.

Also muss Weiß dem Schwarzen eine letzten Zug ermöglichen, also einen Entschlag zulassen. Das geht aber nur auf f3, so dass Schwarz mit Einfügen einer Dame oder eines Läufers b7 und damit den Mattzug decken würde. Deshalb wechselt Weiß mit dem Hinzufügen des Springers auf a6 das Mattfeld, das Schwarz nun nicht mehr decken kann.

Vielleicht möchtet ihr euch die knapp hundert Høeg-VRZ in der PDB anschauen (vom Typ Proca enthält sie weit über 600!) — und vielleicht bekommt ihr Lust, dann mit diesem Typen einmal zu arbeiten, vielleicht gar für das WD80 Turnier? Ich bin mir sicher, dort gibt es noch viel Neuland zu entdecken, allerdings, darüber muss man sich im Klaren sein, ist die Nebenlösungsgefahr hier recht groß!

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