Retro der Woche 7/13

Ebenso wie bei Aufgaben im Vorwärtsspiel gilt auch bei Retros die Faustregel: „Je länger desto schwieriger; je kürzer desto einfacher.“ Eine Faustregel wäre keine Faustregel (sondern ein Gesetz im naturwissenschaftlichen Sinne), gäbe es keine Ausnahmen.

Solch eine Ausnahme könnte möglicherweise die heutige Aufgabe bilden? Wer die kommenden Tage nicht ausschließlich beim Straßenkarneval verbringt, mag sich das Stück vielleicht vornehmen, um es genauer zu studieren.

(Nachtrag 10.2.13 18:40 Uhr: Mario Richter hat mich dankenswerter Weise auf einen Diagrammfehler aufmerksam gemacht, den ich nun korrigiert habe: Vorher standen fälschlich weiße Bauern auf f2 und g4 statt, wie es richtig ist, auf f4 und g2; auch die Lösung habe ich angepasst!)

Unto Heinonen
StrateGems 2004 2. Preis
Beweispartie in 16,5 Zügen (12+12) C+

Was macht das Stück aus meiner Sicht zumindest auf den ersten Blick recht schwierig zu lösen? Wahrscheinlich, dass die offensichtlichen Züge weder von Schwarz noch von Weiß auch nur entfernt an die Anzahl der Züge in der Lösung heranreicht, außerdem gibt es keinen einzigen Doppelbauern, der irgendwelche Schlagfälle direkt erklären könnte.

Andererseits verrät das natürlich auch etwas über die Lösung oder führt zumindest zu einer ersten Vermutung: Es könnte um Umwandlungen gehen? Vielleicht gar um Umwandlungen beider Parteien? Wenn wir nun spekulieren und von einer weißen und zwei schwarzen Umwandlungen ausgehen, können wir, falls unsere Vermutung richtig ist, auch gleich das Thema angeben: Schnoebelen-Umwandlungen, d.h. ein Umwandlungsstein wird geschlagen, ohne nach seiner Umwandlung gezogen zu haben.

Wie komme ich darauf? Nun hilft doch wieder Züge-Zählen: Zwölf weiße Züge (4+0+3+1+1+3) sind im Diagramm sichtbar, so dass genau eine Umwandlung erfolgen konnte (12+5=17). Bei Schwarz hingegen ginge es mit zwei Umwandlungen auf: 6+5+5=16.

Spinnen wir diese Vermutung weiter und raten nun Umwandlungsfelder: Weiß müsste demnach seinen h-Bauern auf h8 umgewandelt haben, dort wurde er dann vom sK geschlagen. Damit stünde auch gleich die Umwandlungsart beinahe fest: Turm oder Springer, denn anders könnte der schwarze König auf h8 nicht schlagen. Und Schwarz hat dann auf a1 oder b1 seinen b-Bauern umgewandelt, der vom wK geschlagen wurde. Die andere Umwandlung muss auf e1 erfolgt sein (warum?). Wir können sogar noch weiter präzisieren: Die Umwandlung des [sBb7] muss auf b1 erfolgt sein: Wir haben keinen weiteten Zug übrig, um den wSb1 verschwinden zu lassen.

Nun kann man mit den Lösungsversuchen beginnen, und mit den vielen schlüssigen Hypothesen erscheint es mir dann doch nicht mehr so schwer:

1.h4 b5 2.h5 b4 3.h6 b3 4.hxg7 bxa2 5.gxh8=T axb1=T 6.Ta4 d5 7.Tah4 d4 8.f4 d3 9.Sf3 dxe2 10.d4 f6 11.Kd2 e1=T 12.La6 Kf7 13.c4 Kg7 14.Kc2 Kxh8 15.Kxb1 Lf5+ 16.Ka1 Sd7 17.Txe1.

Damit stellt sich heraus: alle drei Umwandlungen erfolgten in Türme! Eine wie ich finde sehr schöne Aufgabe!

Einen Punkt möchte ich in diesem Zusammenhang noch zur Diskussion stellen: Viele Autoren (und Preisrichter) bevorzugen sagen wir eine Dreifachsetzung eines Themas einfarbig anstelle von (2+1) beider Parteien: Dies sei schwieriger darzustellen. Auch das ist meiner Meinung nach nicht mehr als eine Faustregel und kein Gesetz: Bei einer einfarbigen Darstellung kann sich die andere Partei darauf beschränken, „einfach nur“ zu unterstützen, bei der gemischtfarbigen muss sie allerdings selbst das Thema darstellen, also müssen beide Seiten der anderen helfen, ohne ihre eigene Themadarstellung aus den Augen zu verlieren. Was meint ihr?

4 thoughts on “Retro der Woche 7/13

  1. Zu einer fachlichenStellungnahme fehlen mir weitgehend die nötigen Erfahrungen, und nach den Ausführungen von Silvio ist eine solche auch überflüssig. Ein paar persönliche Worte aber vielleicht noch zum Schwierigkeitsgrad: Diese Aufgabe kam mir leichter vor als die meisten anderen Beweispartieaufgaben, die mir – vor allem in der Schwalbe – in der letzten Zeit begegnet sind, indem ich hier (mit ziemlich denselben Betrachtungen, wie sie Thomas anstellte) bald drei Bauernmärsche samt Schnoebelen-Umwandlung vermutet habe. Die relativ kleine Zügeanzahl trug hier das ihre dazu bei. Dass aber generell eine kleine Zügeanzahl zu leichteren BP-Aufgaben führt, bezweifle ich sehr; es gab dazu einige kurze, aber „happige“ Beispiele in den letzten Schwalben, bei denen ich keine Ahnung hatte, wie die Lösungen laufen!

  2. Die Frage beidseitig oder einseitig ist eine weitere interessante, zu der ich aus relativ umfangreicher eigener Erfahrung berichten kann.
    Zunächst denke ich, dass ein (der?) Grund der Bevorzugung von einfarbigen Umwandlungsthemen die Ästhetik der Diagrammstellung ist. Häufig kann man eine Homebasestellung der Themaseite erreichen, was in der Regel auch heißt, dass alle Züge dieser Seite thematisch sind. Das kann man dann auch theoretisch nicht besser darstellen, was durch Preisrichter entsprechend gewürdigt wird.
    Die Frage, ob einfarbig oder gemischt einfacher ist, hängt aus meiner Sicht vom konkreten Thema und darüber hinaus von der Art der Themasteine ab, wobei ich mich größtenteils mit FPG-Darstellungen beschäftigt habe.

    1) Ceriani-Frolkin-Thema (Schlag durch Bauern):
    FPG-Vierfachsetzungen gibt es mit allen Kombinationen. Hier scheint es also kaum Unterschiede in der Schwierigkeit der Darstellung zu geben. Einfarbige Darstellungen benötigen je nach Art der Steine 24-28 Züge. Soviele „Unterstützungzüge“ der anderen schafft man in der Regel noch. 29-30 sind zumindest ohne Umwandlung schon bedeutend schwieriger. Bei den Fünffachsetzungen gibt es nur eine einzige einfarbige (lllll von Heinonen). Fast alle anderen Fünffachsetzungen zeigen die Verteilung von 3+2 Themasteinen (wenige auch 4+1). Die einzige Sechsfachsetzung hat 3+3 Themasteine. Beim normalen Ceriani-Frolkin-Thema scheint also insgesamt Gleichverteilung einfacher möglich.

    2) Prentos-Thema (Ceriani-Frolkin, aber Schlag durch Figuren, nachdem die UW-Figur gezogen hat):
    Das ist sehr trickreich. Die Bauernstellung verrät nichts, also müssen andere Gründe für die Umwandlung gefunden werden. Meine wenigen Darstellungen verwenden immer die Begründung, dass die Gegenseite keine Züge auf die Bauernlinie macht. Hier kenne ich gar keine gemischtfarbige Darstellung, aber einige einfarbige Dreifachsetzungen.

    3) Donati-50-JT+Schlag (UW-Figur verlässt Umwandlungsfeld und kehrt anschließend dorthin zurück, um geschlagen zu werden.):
    Das ist deutlich schwieriger als das normale Prentos-Thema, da 2 Züge der UW-Figur nötig sind. Ich kenne nur einfarbige Doppelsetzungen.

    4) Schnoebelen-Thema (Schlag der UW-Figur, ohne dass sie sich bewegt hat.): Das Thema scheint auf den ersten Blick schwieriger als das normale Prentos-Thema, da die Bewegung des gegnerischen Königs nötig ist. Andererseits muss man nicht dafür Sorge tragen, dass die UW-Figur nicht irgendwo geschlagen werden kann. Die wenigen Dreifachsetzungen zeigen mehrheitlich 2+1, aber es gibt auch Darstellungen mit 3+0 Themasteinen.

    5) Pronkin-Thema:
    Von den acht Vierfachsetzungen aus meiner Sammlung sind sechs einfarbig, eine hat 3+1 und eine 2+2 Themasteine. Das Mitspielen ist also deutlich einfacher. Das dürfte daran liegen, dass die meisten Darstellungen mit Schlägen der Originalfigur auf deren Ursprungsfeld operieren. Die damit obligatorische nichtthematische Umwandlung lässt sich nur schwer mit einem eigenen Pronkin verheiraten. Dreifachpronkins sind dagegen relativ gleichmäßig auf 3+0 und 2+1 verteilt.

    Eine Aussage, einfarbige Umwandlungsthemen sind schwieriger darzustellen, ist meines Erachtens einfach falsch.
    Zu den Ceriani-Frolin-(Unter-)Themen kann ich auch auf meinen Artikel aus der August-2012-Schwalbe verweisen. Dort gibt es auch einige Links zu Aufgaben.

    • Hallo Silvio,

      danke für den kleinen Aufsatz — das ist ja schon mehr als „nur“ ein Kommentar! Und vielleicht zieht da sogar der eine oder andere Autor Anregungen für eigene Kompositionsversuche heraus? Das wäre doch klasse.

    • Vielen Dank für die interessante retroästhetische Frage von Thomas und die überzeugende Antwort von Silvio! Vielleicht wäre das einen eigenen Aufsatz (z.B. in der Schwalbe) wert? Das Diskussionsthema ist, so weit ich weiß, noch nie explizit behandelt worden, aber wichtig.

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