Retro der Woche 07/2014

Wolfgang Dittmann ist besonders bekannt für seine Verteidigungsrückzüger vom Typ Proca, die er nach vielen Jahren des Dornröschenschlafs quasi wach geküsst und ihnen zu unglaublicher Blüte verholfen hat.

Aber auch in anderen Bereichen der Retroanalyse hat er hervorragende und hoch originelle Aufgaben komponiert, so etwa auch bei den Illegal Clusters: „Das Illegal Cluster ist eine Aufgabenform, in der durch Einfügung bestimmter Steine in ein unvollständiges Diagramm eine illegale Stellung erzeugt werden soll, die nach jeder Entfernung eines beliebigen Steines (außer den Königen) legal wird.“ (Der Blick zurück, S.291)

Wolfgang hat sich immer darum bemüht, die Illegal Clusters nicht zu reinen Konstruktionsaufgaben zu machen, sondern auch hier echten problemschachlichen Inhalt zu zeigen. (Die Besprechung dieser Aufgabe habe ich im Wesentlichen dem „Blick zurück“ entnommen; dort ist das Stück Nr. 99).

 

Wolfgang Dittmann
Die Schwalbe 1976, 1. ehrende Erwähnung
Ergänze wTBBB sTBBB zu einem Illegal Cluster (1+5)

 

Der en-passsant-Schlag ist für Retrofreunde in jeder Hinsicht eine wunderbare Spezialität. So auch im Illegal Cluster. Er eignet sich hier zur Vertiefung der Retropatt-Idee, kann aber auch als selbständiges Motiv verwendet werden; er wirkt besonders effektvoll, wenn er verborgen, d.h. im Rückspiel weiter zurückliegend eingesetzt wird. Im vorliegenden Stück geschieht dies.

Es bieten sich wegen der vielen Steine nur wenige Möglichkeiten, den Lösevorgang zu systematisieren. Es sei wenigstens ein fragmentarischer Ansatz versucht:

Das Vorhandensein von T und L einer Farbe (in diesem Problem: sLg2 und sT als Einsetzungs-Stein) könnte auf die Absicht eines ep-Schlages deuten, dessen erzwungene Rücknahme mit diesen beiden Steinen durch Doppelschach stets sehr bequem zu erzeugen ist. Das wiederum könnte darauf führen, dass der wK nach d5 in das Läuferschach zurückgehen müsste, und dies könnte am besten durch die Aufhebung eines weißen Schachgebots (natürlich durch den wT) begründet werden.
Demnach: wTa5, sT auf die d-Linie — die Postierung aller übrigen Steine wäre dann eine logische Folge dieses Löseversuchs.

 


Lösungsstellung (5+9)

 

Der Thema-Stein in der Endstellung ist der wBe2! Mit ihm endet das Rückspiel: 1.b6-b5+ Kd5-c4+ in unaufhebbarem Doppelschach, während es ohne ihn so weitergehen könnte: 2.d4:e3 ep! e2-e4 usw. Dass nach Entfernung eines der übrigen Steine das Doppelschach gar nicht erst zustande kommen muss, ist unschwer auszuprobieren. Zur ästhetischen Beurteilung der Aufgabe: Es kann die freundliche Symmetrie der Einfügungssteine nicht darüber hinwegtäuschen, dass insgesamt ziemlich viel Material aufgewendet wird, um einen versteckten ep-Schlag im drittletzten Einzelzug darzustellen. Dazu muss man wissen, dass für den Komponisten eines Illegal Cluster eine größere Gesamtzahl der Steine, anders als für den Löser, eigentlich keine erhöhte Schwierigkeit darstellt, obwohl diese Steine sämtlich für die Illegalität der Endstellung konstitutiv sein sollen.

Für mich ein sehr schönes Beispiel dieser häufig unterschätzten Retro-Gattung.

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